Geschlecht werden. Geschlecht tun. Geschlecht sein.

Zum Verständnis von Geschlecht in der Forschungspraxis der FAM

Was unter „Geschlecht“ verstanden wird, hängt eng mit dem allgemeinen Blick zusammen, den der_die Forschende auf Individuum und Gesellschaft hat. So unterschiedlich die einzelnen Projekte der FAM auch sein mögen, eint sie dennoch ein gewisser konstruktivistischer Grundkonsens: Wir gehen davon aus, dass Individuum und Gesellschaft nicht voneinander trennbar sind und sich gegenseitig hervorbringen. Immer wieder aufs Neue erzeugen die einzelnen Subjekte gesellschaftliche Strukturen und werden gleichzeitig in ihren Handlungs- und Denkmöglichkeiten von eben diesen sozialen Bedingungen geformt.

Vor diesem Hintergrund begreifen wir auch Geschlecht als immer wieder neu sozial konstruiertes Strukturierungsprinzip, das auf unterschiedlichen Ebenen wirksam wird: In Formen der (auch körperlichen) Selbstinszenierung, in Interaktionen zwischen Menschen und Dingen, aber auch in Wissens- und Regelsystemen und auf der Ebene von Institutionen (wie beispielsweise der Ehe). Dieses Strukturierungsprinzip ist eingelagert in die kulturelle Annahme der Zweigeschlechtlichkeit. Zusammen mit dieser Annahme bilden all diese Ebenen ein gesellschaftliches Ordnungsprinzip, das Individuen in die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ unterteilt und ihnen dadurch Lebensweisen und -bedingungen zuweist. Dieses Gefüge betrachten wir als historisch geworden, was zum Beispiel an der Vergeschlechtlichung der Berufsarbeit deutlich wird, und damit veränderbar. Hierbei ist „Geschlecht“ stets im Zusammenwirken mit anderen Macht- und Herrschaftsverhältnissen (z.B. Schicht, Herkunft, Ethnizität, sexuelle Orientierung) zu betrachten.

Im Hinblick auf konkretes Forschungshandeln dient „Geschlecht“ auch als eine Art Brille, durch die der eigene Gegenstand und die eigene Praxis betrachtet wird: Wir verstehen „Geschlecht“ also als eine heuristische Kategorie, die eine spezifische Perspektive auf einen Forschungsgegenstand oder praktisches Handeln ermöglicht. Das heißt für uns weniger, gesellschaftliche Phänomene wahlweise in eine „Männer-“ oder „Frauenschublade“ zu sortieren, sondern eher, uns anzusehen, durch welche Mechanismen soziale Handlungen, Schemata und Strukturen vergeschlechtlicht werden.

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