Zur praktischen Umsetzung in Münchner Einrichtungen der Jugendhilfe

Die Veranstaltung wurde vom Stadtjugendamt in Kooperation mit der Frauenakademie München in den Räumen des Stadtjugendamtes in der St. Martin-Straße durchgeführt. Gabriele Nuß, Beauftragte für die Belange von Mädchen und jungen Frauen beim Stadtjugendamt, begrüßte die Gäste, verwies auf die große Bedeutung von Gender Mainstreaming und berichtete kurz von dem Implementierungsprozess im Stadtjugendamt in München. Birgit Erbe, Geschäftsführerin der FAM, stellte anschließend die Schwerpunkte der Frauenakademie unter besonderer Berücksichtigung der Projekte und Veranstaltungen zu Gender Mainstreaming vor.

Es folgte der Einführungsvortrag von Dr. Andrea Rothe. Dargestellt wurden die Ergebnisse der Studie Konkretisierung von Gender Mainstreaming für die Praxis der Jugendhilfe und die Analyse des Stands der Umsetzung von Gender Mainstreaming in Organisationen der Jugendhilfe im Stadtteil Hasenbergl (siehe hierzu die Veröffentlichungen unter Publikationen).

Nach der Definition von Gender Mainstreaming (GM) ging es um die Frage, wie sich die drei Hauptmerkmale des Gender Mainstreaming - Top down-Ansatz, Querschnittsaufgabe und Doppelstrategie - für die Praxis der Jugendhilfe auf der Ebene der Organisation wie auch hinsichtlich einer Gender-Pädagogik in der Praxis konkretisieren lassen. Es wurde gezeigt, dass dafür verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein müssen, wie etwa Veränderungen im organisatioalen Set-up und bei den Organisationskulturen. Darüber hinaus ist eine Bereitschaft zu organisationalem Lernen notwendig, eine kritische Überprüfung der Innen- und Außendarstellung der Organisation, ein Personalentwicklungskonzept mit klaren Zielvorgaben und eine Konzeption für gender-pädagogische Ansätze in der Einrichtung. Nur so kann eine Ist-Analyse durchgeführt werden, die als Startpunkt für die Implementierung genutzt werden kann. Zudem sollten die Mitarbeitenden durch ihre Gender-Kompetenz selbst zu Vorbildern für die Zielgruppe der Jugendlichen werden.

Die Analyse des Stands der Umsetzung von Gender Mainstreaming im Hasenbergl untersuchte zum einen, wie weit Gender Mainstreaming in vier unterschiedlichen Einrichtungen der Jugendhilfe implementiert ist, und es fand zum anderen eine Befragung der Jugendlichen selbst statt. Ergebnisse waren u.a., dass GM in den Leitbildern der Trägerorganisationen inzwischen weitgehend verankert ist, dass es in den Einrichtungen bisher aber keine festen Strukturen gibt, die ein Controlling von GM zulassen würden, dass der Top-down-Ansatz Wirkung zeigt, da die Einrichtungen wissen, dass geschlechterbewusste Jugendarbeit als Kriterium für die Geldgeber wichtig ist und schließlich, dass es immer noch als schwierig wahrgenommen wird, Erlerntes zu GM auf der Ebene der Gender-Pädagogik umzusetzen. Als Gründe, warum wenig voran geht, werden z.B. Personalmangel, Zeitmangel oder zu wenig Kenntnisse zu Gender Mainstreaming bzw. Gender-Pädagogik angegeben.

Um gender-pädagogische Ansätze zu entwickeln, sind Erkenntnisse über das Leben und Aufwachsen der Jugendlichen als Mädchen und Jungen notwendig. Daher war es Ziel der Befragung der Jugendlichen, Informationen zu erhalten, wo und wie Geschlecht und Geschlechtlichkeit(en) im Leben der Jugendlichen eine wichtige Rolle spielen. Als wichtige Themen für die Jugendlichen kristallisierten sich heraus: Geschlechterbilder, traditionelle Geschlechterverhältnisse und Rollenerwartungen, die Auseinandersetzung mit der Geschlechteridentität und anderen identitätsstiftenden Aspekten wie Migrationshintergrund oder Bildungsabschluss sowie das Thema Gewalt und Rassismus. Um nicht auf der Ebene der wissenschaftlichen Erkenntnis zu verbleiben, wurden 2005 und 2006 auf Grundlage der Ergebnisse der Studie zwei Gender-Trainings für Jugendliche unter der Trägerschaft der FAM konzipiert und durchgeführt. "Geschlecht bewusst gemacht" und "Geschlechterbewusste Berufswahl und Lebensplanung" wurden im Vortrag kurz skizziert. Ergänzend wurden Originaltöne aus einem Radiointerview mit den teilnehmenden Jugendlichen eingespielt.

In der Schlussfolgerung stellte Andrea Rothe fest, dass es weiterer Unterstützung für die Einrichtungen bedarf, um Gender Mainstreaming erfolgreich zu verankern und, dass Gender Mainstreaming in der Organisation und Gender Pädagogik in der Praxis mit den Jugendlichen nicht als lästiger und zusätzlicher Arbeitsaufwand gesehen werden darf, sondern als integraler Bestandteil und als Qualitätskriterium. Schließlich verwies sie auf die große Bedeutung eines regelmäßigen Controllings des Implementierungsprozesses.

Nach einer kurzen Kaffeepause wurde die Veranstaltung mit einer Podiumsdiskussion fortgesetzt. Teilnehmer/innen waren Ingeborg Chyl, Schulsozialarbeiterin Eduard-Spranger-Hauptschule, Hanne Güntner, Kontakt- und Informationsstelle für Mädchenarbeit IMMA e.V., Erich Mehlsteibl, REGSAM, Sprecher des Facharbeitskreises "Kinder, Jugend, Schule, junge Erwachsene", Gabriele Nuß, Stadtjugendamt München, Beauftragte für die Belange von Mädchen und jungen Frauen, Dr. Andrea Rothe, FAM, sowie Joachim Seipt, Leiter "Der Club - Stadtteilhaus für Kinder und Jugendliche im Hasenbergl". Die Moderation machte Dagmar Koblinger, FAM.

Nach einer kurzen Vorstellung der Podiumsgäste ging es in der ersten Fragerunde um den Prozess der Implementierung von Gender Mainstreaming in der Jugendhilfe in der Stadt München auf unterschiedlichen Ebenen und um die Frage, wie der Top down-Ansatz von den Einrichtungen mit Bottom Up-Prozessen verbunden wurde. In einer zweiten Runde wurde die Frage diskutiert, wie sich Gender Mainstreaming auf der Ebene der Organisation in eine geschlechterpädagogische Praxis mit den Jugendlichen übersetzen lässt. Abschließend wurde die Frage aufgeworfen, welchen Unterstützungsbedarf die Einrichtungen konkret haben, um Gender Mainstreaming und Gender-Pädagogik als Qualitätsstandards nachhaltig in die Jugendhilfe zu integrieren. Mit dieser Frage wurde die Diskussion für das Publikum geöffnet.

Die Diskussion mit den Praktiker/inne/n machte deutlich, dass die Initiative des Stadtjugendamtes auf offene Ohren gestoßen ist, wenngleich auch eingeräumt wurde, dass es Vorbehalte gab. An die Einrichtungen der Jugendhilfe würden viele Anforderungen herangetragen und so bestand bei Erich Mehlsteibl die Sorge, dass Gender wie vieles Andere zunächst bearbeitet werden würde und dann eine "offene Baustelle" bliebe. Inzwischen steht aber Gender Mainstreaming im Facharbeitskreis regelmäßig auf der Tagesordnung und Mehlsteibl räumte ein, dass je länger er sich damit befasse, umso spannender es für ihn werde. Der Umstand, dass Gender Mainstreaming öffentlich gewollt wird, wurde vom Podium allgemein begrüßt. Ingeborg Chyl, die seit vielen Jahren Mädchenarbeit macht, freute sich, dass ihre Arbeit nun wertgeschätzt werde und Geld für Gender-Pädagogik bereitgestellt würde. Gabriele Nuß führte den Vorteil am Beispiel des Münchner Waisenhauses an, wo aufgrund des GM der geschlechtsspezifische Bedarf eines Jungen oder eines Mädchens heute wichtiger bewertet wird als der Kostenfaktor. Eine andere Erfahrung machte hingegen ein Jungenpädagoge aus dem Publikum. Er mache die Erfahrung, dass es sich bei den Trägern um Lippenbekenntnisse handele. Denn wenn er heute eine Freistellung brauche, um an Treffen von Gender- oder Jungenpädagogen teilzunehmen, werde ihm diese inzwischen nicht mehr gewährt.

Bezüglich der Einführung von GM in der Organisation hob Gabriele Nuß hervor, dass sich die zeitgleiche Schulung aller Führungskräfte im Stadtjugendamt als sinnvolle Strategie erwiesen habe, weil dadurch die anschließende Kommunikation über Gender funktionierte und auch die neu eingeführten Strukturen genutzt werden konnten. Mangelnde Sensibilität auf der Führungsebene könne auch leicht den Buttom-up Prozess zum Halten bringen, wie Hanne Güntner ergänzte, weil der Bedarf von GM schlichtweg nicht gesehen werden könne. Güntner, die von 2003 - 2005 rund 250 Personen der Jugendhilfe in München schulte, berichtete, dass in einer Nachbefragung die Teilnehmer/innen zu 50 % bestätigten, dass das Training ihr Handeln verändert habe. Die Organisationen hätten sich deshalb aber nicht verändert. Dies brauche eine kontinuierliche Begleitung. Geschlechtssensible Organisations-entwicklung als Teil einer größeren Einrichtung wird in den Jugendeinrichtungen zum Teil selbst betrieben. Joachim Seipt nannte hierbei gezielte Personalentwicklung, GM bei der Maßnahmenentwicklung sowie den kontinuierlichen Dialog mit den Zielgruppen. Darüber hinaus hätten auch Praktikant/inn/en eine wichtige Rolle: Zum einen brächten sie Gender-Wissen von der Hochschule mit, zum anderen forderten sie das Team zu ständiger Reflexion heraus. Aus der Schulsozialarbeit berichtete Ingeborg Chyl, dass von Mädchen- und Jungenpädagog/inn/en nun auch gemeinsame Projekte konzipiert würden und damit beide Seiten ihr Fachwissen erweitern könnten. Viel grundsätzlicher war der Lernprozess im Facharbeitskreis von REGSAM. Die Klärung des Begriffs Gender und der Frage, welche Bedeutung Gender für die eigene Arbeit hat, sei laut Erich Mehlsteibl ein sehr mühsamer Prozess gewesen. Diese Erfahrung bestätigte auch eine Teilnehmerin, die einen GM-Prozess im Bereich der Suchtprävention begleitet. Auch hier habe es ein Jahr gedauert, aber jetzt sei der Arbeitskreis wirklich handlungsfähig.

Gender-Pädagogik wurde vom Podium als absolut notwendig gesehen. Sie führe weg vom Defizitansatz, der stark mit Zuschreibungen gearbeitet habe. Die Beispiele in Andrea Rothes Vortrag hätten verdeutlicht, wie wichtig das Lernen der Geschlechtergruppen voneinander ist, wie Vorurteile und Ängste aufgegriffen werden und Geschlechterabgrenzungen überwunden werden können. Gleichzeitig könnten Probleme von Sucht und Gewalt nur geschlechtsreflexiv gelöst werden. Ingeborg Chyl betonte deshalb den großen, aber unbewältigten Bedarf an Gender-Angeboten im Bereich der Prävention von Sucht und Gewalt, aber auch für die Berufsplanung.

Das Schlusswort übernahm Dr. Maria Kurz-Adam, Leiterin des Stadtjugendamts München. Sie verwies nochmals auf die grundlegende Bedeutung geschlechtsreflexiver Arbeit als Verpflichtung und Auftrag des Stadtjugendamtes, um ein demokratisches Zusammenleben zu ermöglichen. In vier Thesen stellte sie ihre Position zu GM in der Jugendhilfe dar. So sei ihr wichtig, dass in der Facharbeit sowohl an dem Ansatz der Gleichheit als auch der Differenz/Unterschiedlichkeit festgehalten werde. GM sei dafür die Antwort in den Institutionen. Gender-Pädagogik betrachte sie als gelebte und gestaltete Genderdemokratie, mit der für Schutz und Würde von Jungen und Mädchen gesorgt werden könne. Für Genderdemokratie gebe es einen sozialpolitischen Auftrag und deshalb müsse sie in der Jugendhilfe sowohl auf der Ebene der Verwaltung als auch der Pädagogik gestärkt werden. Die Vorgaben des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG) umzusetzen, heiße für sie konkret Vernetzung, Übernahme persönlicher Verantwortung, Evaluation des Zugangsverhaltens von Mädchen und Jungen und schließlich eine gute Trägerstruktur, die Gender im Fokus hat.

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